Herbsttagebuch 2018

Vorbemerkung

Diese Dokumentation ist wie ein echtes Tagebuch angelegt, also mit dem neuesten Eintrag am Ende, nicht wie ein Newsticker, der immer die Neuigkeiten zuerst aufführt. Wir finden, dass die Tagebuchform, die Dramaturgie, die eine Weinlese Jahr für Jahr mit allen Unwägbarkeiten der Natur, den persönlichen Überlegungen und Zweifeln während der Lese so mit sich bringt, in diesem Format viel deutlicher wird.

 

 

 

Vegetation 2018
Im Gegensatz zu den Vorjahren sorgten die kalten Temperaturen im Februar und März für einen ganz „normalen“ Rebaustrieb in der zweiten Aprilhälfte. Da der Boden durch die kräftigen Regenfälle im Januar noch über sehr große Wasserreserven verfügte, begann ab diesem Zeitpunkt bei stets rekordverdächtigem Temperaturverlauf ein Rebenwachstum wie wir es nur ganz selten erlebt haben. Vergehen normal von Austrieb bis Lesebeginn fünfeinhalb Monate, so waren es in diesem Jahr gerade einmal gut vier Monate! Dadurch konnten wir einerseits einige Pflanzenschutzspritzungen einsparen, mussten jedoch alle Handarbeiten termingerecht in einem deutlich kürzeren Zeitfenster erledigen, und dies zusätzlich bei meist bei mediterranen Temperaturen!
Da es ab Mitte Juni nur noch ganz wenig regnete, war die Wasserversorgung der Reben ein ganz entscheidender Faktor in 2018. Ab Mitte Juli litten jüngere Reben oft unter der Trockenheit und Sommerhitze. Bei ihnen ist das Wurzelwerk noch nicht so weitverzweigt und tief angelegt, wie bei alten Reben. Aber auch falsche Bodenbearbeitung, hohe Erträge oder zu starkes Wachstum konnten zu deutlich erkennbarem Trockenstress an Reben führen. In unseren Weinbergen zahlte sich unser langjähriger biodynamischer Weinbau voll aus. Gerade in den ganz jungen Anlagen und den gefährdeten Weinbergen im Kastanienbusch konnten wir durch Tröpfchenbewässerung Schäden an den Reben vermeiden.

 

„Erntebeginn“:
Bevor die eigentliche Weinlese beginnt, galt es wie schon in den letzten Jahren noch unsere kleine Kartoffelernte einzubringen. Die Ernte beginnt am 27. August bei schönem Wetter. Unsere Erntemenge ist in Anbetracht der Trockenheit bescheiden, die Kartoffeln jedoch schön und groß. Viele davon werden sicherlich von unserer großen Erntemannschaft in den nächsten Wochen gleich gegessen.

 

Weinlese 2018:
Ich erinnere mich nicht, dass bei uns schon einmal im August mit der Ernte begonnen wurde. Vielleicht war dies in den sehr heißen Endvierziger Jahren des letzten Jahrhunderts möglich, aber dafür haben wir leider keine Zeitzeugen oder Aufzeichnungen mehr.

 

Dienstag 28. August – 1. Lesetag
Mit „kleiner Mannschaft“, das heißt unseren zwölf polnischen Lesehelfern (von denen manche schon seit über 25 Jahren zu uns kommen) und unserem Team von ständigen Mitarbeitern und Auszubildenden geht es in die ersten Weinberge. In diesem Jahr gehört auch ein australischer „Cellar Hand“ aus einem sehr großen Weingut in Australien zu unserem Team, der nun Erfahrungen in unserem kleinen Weingut in der „alten Weinwelt“ sammeln möchte.
Heute werden Chardonnay- und Spätburgundertrauben für Sektgrundwein gelesen. Der Gesundheitszustand ist hervorragend, auch die Qualität und vor allem die Säure stimmen.

Da wir für unsere Sektgrundweine immer nur ganze Trauben ohne vorheriges Maischen (leichtes Quetschen in der Traubenmühle) in der Kelter pressen, damit wir später möglichst wenig Gerbstoffe im Sekt haben, ist auch ein ganz schonender Transport ohne Quetschungen vom Weinberg bis in die Kelter ein wichtiger Faktor. Deshalb haben wir 350 Lesekisten gekauft, in denen die Trauben bei Bedarf noch vor der Pressung durch ihre geschlitzten Seiten- und Bodenflächen optimal gekühlt werden können. Die Lese ist dadurch aufwendiger, aber das Ergebnis rechtfertigt dies!

Premiere für die neue Korbkelter! Spannend wird es dann auch beim Pressen. Neben dem seit vielen Jahren eingesetzten pneumatischen Presssystem kommt zukünftig auch eine neue Korbkelter zum Einsatz. Diese wird zum Pressen unserer Rotweine, aber auch kleinere Traubenpartien für ganz hochwertige Weißweine und Sektgrundweine benutzt. Da die beiden Körbe jeweils nur 1200 Liter Trauben oder Maische aufnehmen können und ein Pressvorgang für Sektgrundweine über vier Stunden dauert, können wir nur einen Teil des Sektgrundweines mit diesem schonenden System verarbeiten. Aber auch bei der pneumatischen Kelter dauert ein Pressvorgang mit dem vom Champagnerinstitut lizensierten Programm sehr lang. Dies ist aber bei der Verarbeitung von Spätburgundertrauben zu „Blanc de Noir“ notwendig um keine roten Farbstoffe aus den Beerenschalen in den Saft zu bekommen.

 

Mittwoch 29. August – 2. Lesetag
Wir setzen die Lese von Spätburgunder für Sektgrundwein fort. Die Qualität der Trauben, aber auch die Faktoren Mostgewicht und Säure sind dafür perfekt!

Das sehr warme, sommerliche Wetter hinterlässt durch die allgemeinen Unwetterwarnungen bei uns zunächst einige Sorgenfalten. Aber am Ende bleibt es schließlich bei einem sehr heftigen Wind und knapp einem Liter Regen, der in der Nacht fällt und der die Temperaturen etwas angenehmer gestaltet.

Unwetterwarnungen begleiten uns schon das ganze Jahr. Deswegen sind auch frühe Prognosen, die Qualität oder Menge des neuen Jahrgangs betreffen, zu diesem Zeitpunkt noch völlig verfrüht! Zu oft haben Starkregen oder Hagel alle Erwartungen in wenigen Augenblicken im wahrsten Wortsinn völlig zerstört.

Mit einer kleinen Nervenberuhigung können wir Pfälzer Winzer schon seit einiger Zeit leben: dem Hagelflieger. Eigentlich sind es inzwischen sogar zwei kleine Flugzeuge, die sich von der Karlsruher Wetterwarte dirigiert bei Unwettergefahr in die Gewitterwolken begeben, um dort für kleinere Eiskristalle zu sorgen. Die mutigen Piloten haben nicht nur der Landwirtschaft der Pfalz schon das ein oder andere Unheil abgewendet, sondern auch „normale“ Bürger vor Schäden z.B. an Dächern, Dachfenstern, Autos oder PV-Anlagen bewahrt. Danke!


Donnerstag 30. August – 3. Lesetag
Auch heute wird wieder Spätburgunder gelesen, diesmal jedoch für sehr unterschiedliche Produkte.

Die ersten Spätburgunder für Rotwein haben unseren angestrebten perfekten Qualitätszustand erreicht und können geerntet werden. Es handelt sich dabei um Trauben des sehr alten deutschen Klons „Arbst“, der durch seine kleine, kompakte Traubenform immer einen niedrigeren Ertrag bei früher Reife und hoher Qualität bringt. Da die Trauben des französischen Klons „777“ ähnliche Eigenschaften aufweisen, konnten wir ebenfalls noch einen kleinen, damit bepflanzten Weinberg ernten. Es ist ein sehr beruhigendes Gefühl so früh Trauben für ein „Großes Gewächs“ aus der Lage IM SONNENSCHEIN ernten zu können.

Am Nachmittag setzen wir in einer großen Spätburgunder-Parzelle die Lese für Sektgrundwein fort. Auch hier werden wieder die kleinen Lesekisten verwendet.

 

Freitag 31. August – 4. Lesetag
Unser Hoffest steht bevor. Das bedeutet nun, neben der Lese auch das Weingut und den Garten für unsere Gäste vorzubereiten. Auch im Flaschenkeller ist sehr viel zu tun und zu richten, denn die neuen Großen Gewächse des Jahrgangs 2017 können verschickt werden, sollen aber auch beim Hoffest zur Probe und zum Verkauf zur Verfügung stehen.

In der Früh wird noch unser neuer Apfelsaft von den Streuobstbäumen unserer Grundstücke gekeltert und abgefüllt. Wir sind froh, dass dies seit Jahren von dem Rentnerteam eines Obstbauvereines erledigt wird. Geschmacklich sind alle von dem neuen Apfelsaftjahrgang sofort begeistert!

Die Lesemannschaft wird nun immer mehr aufgestockt. Das führt in der Praxis zu zwei Leseteams, die entweder parallel im gleichen Weinberg arbeiten, wenn es viele Reihen gibt, oder die Teams bekommen verschiedene Parzellen zur Lese. Die Teilung macht Sinn, denn der „Quertransport“ der abgeschnittenen Trauben zum abtransportierenden Fahrzeug in der mittleren Reihe beschäftigt die Leser in der Mitte zu stark, wenn es zu viele Zeilen gleichzeitig sind.

Vor dem Hoffest schließen wir noch die Arbeiten des Vortages ab: die Spätburgunderernte für Sektgrundwein und hochwertigen Rotwein.

 

Samstag 1. September – Hoffest
Auch wenn heute und morgen das Hoffest gefeiert wird, gibt des noch genug zu tun im Kelterhaus für unser „Innenteam“. Die Moste müssen vorgeklärt und zur Vergärung eingelagert werden. Zur Vorklärung wird der klare Most vom sich abgesetzten Presstrub abgezogen. Der kleine Rest im Tank, meist Fruchtfleisch, wird filtriert und kommt dann ebenfalls zum klaren Most. Da in den letzten Tagen immer nur ganze Trauben gepresst wurden, können wir nun schon am Tag nach der Lese vorklären. Denn bei unserer traditionellen Weinbereitung, bei der die entrappte Traubenmaische noch bis zum nächsten Tag stehen bleibt um wichtige Aromen und mineralische Grundlagen aus den Beerenschalen lösen zu können, arbeiten wir in einem 24-Stunden-Rhythmus:
1. Tag: Trauben lesen, entrappen und maischen - 2. Tag: pressen - 3. Tag: vorklären und einlagern.

Der erste Tag unseres Hoffestes läuft bei allerschönstem Bilderbuchwetter ab. Die Stimmung bei Gästen und Mitarbeitern ist hervorragend.

 

Sonntag 2. September – Hoffest
Am zweiten Tag des Hoffestes ist es unerwartet grau. War am Vortag noch Sommerbekleidung angesagt, so braucht man heute nach langer Zeit wieder etwas wärmere Kleidung.

Ist der Spätsommer nun schon vorbei?

Der Weinbergsrundgang mit kleiner Vertikalprobe in unsere Große Lage GANZ HORN ist für die nächsten Erntewochen recht vielversprechend! In den letzten 20 Jahren wurde zu diesem Zeitpunkt nie ein höheres Mostgewicht gemessen, selbst 2003 nicht! Und gerade im Vergleich zu diesem außergewöhnlichen Jahr sind die Säurewerte dabei noch recht stabil! Also weiterhin Daumen drücken und auf Holz klopfen!

 

Montag 3. September – 5. Lesetag
Das Hoffest ist vorüber, die Weinlese hat nun wieder unsere volle Aufmerksamkeit.

Die Lese von Sauvignon Blanc und Grauburgunder stehen heute an. Vom erst genannten ernten wir jedoch nur einen Teil, weil nur die älteren Reben die gewünschte Reife erreicht haben. Auch bei den Grauen Burgundern wollen wir mit einem Teil noch etwas abwarten. 

Der Tag beginnt so grau und wolkenverhangen wie auch der gesamte Sonntag verlaufen war. Erst am späten Nachmittag klart sich der Himmel wieder etwas auf.

 

Dienstag 4. September – 6. Lesetag
Spätburgunder steht heute wieder auf der Tagesordnung. Es ist jedoch auch hier schwierig zu entscheiden, welche Weinberge schon die angestrebte Reife erreicht haben. Fast überall fehlt nur ganz wenig um im optimalen Bereich zu sein. Aber gerade dies muss die Voraussetzung für die höchsten Qualitäten aus unseren besten Lagen sein, den Großen Gewächsen.

Diese unterschiedlich fortgeschrittene Reife der Trauben je nach Bodenbeschaffenheit und Rebenalter der Weinberge führt dazu, dass wir uns heute erst einmal einen Überblick verschaffen wollen, wie es in den nächsten Tagen weitergeht. Dazu werden in allen Parzellen, die in den nächsten Tagen zur Ernte anstehen könnten Traubenproben geholt. Immer ungefähr 100 Beeren pro Probe, die von verschiedenen Trauben oben, unten, innen, außen, Sonnen- und Schattenseite gesammelt werden. Im Weingut werden dann die Proben gequetscht und gepresst, sowie das Mostgewicht und die Säure bestimmt. Das Ergebnis ist uns nun eine solide Basis für die weiteren Entscheidungen.

Der Sommer und die Wärme sind zurück.

 

Mittwoch 5. September – 7. Lesetag
Mit dem Sonnenschein kehrt der Spaß, mit den Ergebnissen der Traubenproben die Gewissheit zurück, dass uns mit dem Jahrgang 2018 noch ganz viel Herausragendes gelingen kann! Nicht nur die Zuckergehalte sind in den letzten Tagen stetig angewachsen, sondern, was noch wichtiger ist, die Säurewerte haben sich stabilisiert und halten sich auf einem für diesen warmen Jahresverlauf typischen Niveau. Eines scheint auch schon jetzt sicher: einen Jahrgang wie 2003 wird es wahrscheinlich nicht geben, dafür sind die Werte auf gutem Niveau zu stabil! Gott sei Dank!

Mit Kisten geht es am Morgen in den ersten Riesling-Weinberg um auch hier Trauben für Sektgrundwein zu ernten. Sie werden später in älteren Holzfässern vergoren und können etwa ab 2023 als feiner Rieslingsekt getrunken werden. Auch hier kommt wieder die Korbkelter zum Einsatz um auch die Eignung der Presse für ganze Rieslingtrauben auszuprobieren. Das Ergebnis ist auch hier sehr überzeugend, aber der Aufwand, vor allem der zeitliche, recht groß.

Die Lese der kleinen Rieslingparzelle geht rasch voran. Deshalb können wir noch am Vormittag mit der Lese der restlichen Grauburgunderweinberge beginnen. Die Reife ist hervorragend. Interessant dürfte auch später die Farbe im Wein werden. Durch die idealen Wachstumsbedingungen sind nicht nur bei den Rotweintrauben alle Farbstoffe sehr gut ausgreift, sondern auch beim bronzen färbenden Grauen Burgunder. Aus diesem Grund sind die Moste nach unserer 24-stündigen Maischestandzeit in diesem Jahr sehr rot. Allerdings wird davon nach der Gärung und Reifung am Ende erfahrungsgemäß nur noch ein leicht zwiebelschalenfarbiger Ton übrigbleiben.

 

Donnerstag, 6. September  – 8. Lesetag
Spätburgundertag! - heute wird es rot! Nach dem Grauen Burgunder werden nun auch alle kompakten Spätburgundertrauben richtig reif. Deshalb geht es heute zuerst in die „Erste Lage“ Arzheimer Rosenberg, wo die Zwillinge, Hans und Valentin, seit 2012 ein halbes Hektar Weinberg bearbeiten und betreuen, und einen eigenen Rotwein erzeugen. Von Beginn an wird dieser Wein exklusiv von „Delinat“ vermarktet. Die Trauben der lockerbeerigen Klone im Weinberg bleiben noch hängen.

Danach geht es in einem anderen Spätburgunderweinberg weiter. Es sind unsere ältesten Spätburgunderreben, 1964 gepflanzt, eine der letzten Weitraumanlagen meines Vaters und des Ökonomierates, meinem Großvater. Die alten Reben „im Forst scheinen sich immer wohler zu fühlen, bringen immer bessere und feinere Trauben. Deshalb soll dieser alte Weinberg in Zukunft auch seinen Namen tragen dürfen, wenn die Qualität so gut ist wie wir – und Sie - es erwarten.

Wie schon gestern ist es heute zunächst sehr warm, hochsommerlich geworden. Gewitter mit Sturm und Unwetter sind ab dem späten Nachmittag vorhergesagt. Pünktlich zum Feierabend beginnt das Gewitter! Ein richtig kräftiger Landregen sorgt für Abkühlung! Vom in dieser Zeit gefürchteten und verheerenden Hagel bleiben wir verschont. Um Mitternacht gibt es erneut einen kräftigen Regenguss. Schadet dies den Trauben? Bekommen wir jetzt noch einen Wachstumsschub, eventuell mit Aufplatzen der Beeren oder Fäulnis? Oft ist ein solches Regenereignis ein Wendepunkt in der Lese, ob positiv oder negativ!

 

Freitag, 7. September – 9. Lesetag
Mitten in der Nacht werde ich von einem erneuten Gewitter und stärkeren Regen geweckt. Erinnerungen an Jahre, als ein einziges großes Regenereignis alles verändert hat, werden wach. Durch den regenverhangenen Himmel bleibt auch die Temperatur die ganze Nacht recht warm – mit der Feuchtigkeit schwül warm, fast tropisch. Gott sei Dank endet der Regen auch wieder recht schnell.

Am Morgen ist es jedoch noch so nass, dass an einen Erntebeginn wie üblich um 8:30 Uhr noch nicht zu denken ist. An Blättern und Trauben hängen in der Früh noch viele Regentropfen. Wir entscheiden erst um 12 Uhr mit der Lese zu beginnen.

Die Entscheidung ist goldrichtig. Die Trauben sind vom Regen in der Nacht jetzt absolut trocken. Von immerhin 15 Liter/m2 sieht man auf dem doch recht ausgetrockneten Boden überhaupt nichts mehr. Würde man nicht noch etwas Wasser in manchen Pfützen auf den Feldwegen finden, hätte man das Gewitter auch nur geträumt haben können!

Wir setzen unsere Lese von Spätburgundertrauben fort. Die kompakten Trauben sind nun perfekt reif. Deshalb ernten wir nun auch in der „Großen Lage“ IM SONNENSCHEIN.

 

Samstag, 8. September – 10. Lesetag
Das Wetter hat sich stabilisiert. Am Nachmittag werden Temperaturen von über 26 °C erreicht. Der strahlende Sonnenschein sorgt für den ein oder anderen Sonnenbrand bei unseren Lesehelfern.

Heute ist wieder ein „Burgundertag“. Am Morgen bringen wir zunächst noch weitere Spätburgundertrauben aus dem Sonnenschein nach Hause. Am Nachmittag erntet dort die eine Gruppe die letzten kompakten Trauben fertig, danach die ersten lockerbeerigen. Die andere Gruppe arbeitet im „Rosenberg“, und holt weitere Trauben für den „Zwillings-Rotwein“, danach noch etwas für unseren Rosé. Zu guter Letzt geht es mit der gesamten Mannschaft noch an die ersten Weißen Burgunder. Auch diese Rebsorte hat in den letzten Tagen eine deutliche Zuckerzunahme zu verzeichnen und ist deshalb erntereif.

 

Sonntag, 9. September – Pause
Der Ruhetag bezieht sich allerdings nur auf die Lese. Im Kelterhaus gibt es genug Arbeit. Die Rotweintrauben in den offenen Gärständern müssen überschwallt werden. Dazu pumpt man aus einem Raketenförmigen Sieb, welchen man in die Maische steckt, Saft und „gießt“ es über die Maische. So lange die Maische noch nicht gärt, braucht man den Maischekuchen noch nicht unterzustoßen. Bei dem am 3. Lesetag geernteten Spätburgunder ist dies jedoch der Fall. Die anderen sollen vor der Gärung noch etwas stehen und eine „Kaltmazeration“ machen, was allerdings bei den Lesetemperaturen in diesem Jahr recht schwierig erscheint. Maische lässt sich nur schwer kühlen, weil die Beerenhäute und das Fruchtfleisch sehr gut „isolieren“ und so eine Kühlung recht langwierig machen. Das Umpumpen von Saft hilft hier jedoch etwas weiter.

Auch die gestern geernteten Weißen Burgunder gilt es heute abzupressen. So vergeht für die „Heimmannschaft“ auch dieser lesefreie Sonntag wie alle Tage während der Weinlese als Arbeitstag.

 

Montag, 10. September – 11. Lesetag
Ausgeruht – zumindest was die Lesehelfer betrifft – geht es in die neue Woche. Unser Team beginnt immer schon um 7:30 Uhr mit der Arbeit und richtet alles, was man für die Ernte braucht – Traktoren, Anhänger, Bütten, Leseeimer, Wasser zum Händewaschen und Getränke. Damit kann es, wenn die Leser eingetroffen sind, um 8:30 Uhr pünktlich in die Weinberge gehen. Die Ernte wird für das Mittagessen unterbrochen. Alle Helfer werden im Weingut verköstigt. Jeden Tag wird für über 30 Personen gekocht. Durch die sommerlichen Temperaturen sind in diesem Jahr die typischen Herbstessen wie Suppen oder Eintöpfe noch nicht angesagt. Auch der sonst bei kühlen Temperaturen im wahrsten Sinne des Wortes immer heiß erwartete Kaffee am Nachmittag, den es mit frisch gebackenem Kuchen gibt, fällt in diesem Jahr bisher meist aus, weil es so warm ist, dass man lieber die Pause zur Erfrischung mit kühlen Getränken nutzt.

Die Wetterbedingungen sind immer noch sehr gut. Zwar wird es am Nachmittag über 28 °C heiß, da es aber in den Nächten doch recht gut abkühlt, unter 10°C in der Frühe, kann man nicht nur nachts gut schlafen, sondern bleiben die Säurewerte auch so noch recht stabil.

Auch am heutigen Tag stehen wieder zwei ganz verschiedene Rebsorten zur Lese an: Sauvignon Blanc und Weiße Burgunder. Inzwischen haben auch die noch verbliebenen Sauvignon Blanc Weinberge den gewünschten höheren Zuckergehalt in den Traubenbeeren gebildet. Dies wird die ideale Ergänzung zu den früher geernteten Partien sein und auch etwas für in kleine Holzfässer.

Das gleiche gilt für die Weißen Burgunder-Trauben, die auf den Lößlehmböden gewachsen sind. Sie sollen später einmal den Gutswein und den Terriorwein „vom Lößlehm“ ergeben.

 

Dienstag, 11. September – 12. Lesetag
Ein herrlicher Sommertag mit blauem, wolkenlosem Himmel und Temperaturen bis 28°C.

Hatten wir nach dem stärkeren Regen der letzten Woche zunächst noch etwas Bedenken, dass sich dies eventuell negativ auf die Qualität auswirken könnte, so sind wir nun sicher, dass dieser Regen für unsere Reben nicht nur eine angenehme Erfrischung, sondern vor allem die Grundlage war, die Reife weiter voranzutreiben. Wasser ist, bzw. war der entscheidende Faktor für den Jahrgang 2018! Die unterschiedliche Wasserversorgung und -haltekapazität der Weinbergsböden spielt dabei eine ebenso entscheidende Rolle, wie die Bodenbearbeitung, die Pflege des Bodenbewuchses und, wie sich nun auch zeigt, des Ertrages. In warmen, trockenen Jahren wie 2018 ist aber auch das Alter der Rebstöcke ganz entscheidend! Je älter die Reben werden, umso größer wird das gebildete Wurzelsystem. So können sie sich deutlich besser mit Wasser und Nährstoffen versorgen wie jüngere Reben mit einem noch nicht so verzweigten und in die Tiefe reichenden Wurzelsystem. Da das Durchschnittsalter unserer Reben über 22 Jahren liegt, haben nur ganz wenige junge Weinberge mit der Trockenheit zu kämpfen.

Vor allem die Reben auf den tiefgründigen Lößlehmböden kommen in diesem Jahr mit den Bedingungen sehr gut zurecht. Die Reife ist hier überall mindestens so weit fortgeschritten wie in den mineralischen, aber kargeren Böden der besten Lagen, oft sogar schon etwas weiter.

Deshalb ernten wir heute die Weißen Burgunder von diesen Böden fertig. Auch Silvaner und die ersten Chardonnaytrauben erscheinen uns so reif zu sein, dass wir sie ernten können.

Um insgesamt wieder einen besseren Überblick über den Reifezustand zu bekommen, werden in allen Weinbergen wieder Traubenproben geholt, gepresst und ausgewertet – eine Arbeit, die Erfahrung beim richtig Einsammeln, aber auch viel Zeit beim Pressen, Sieben und Auswerten benötigt. Pro Probe werden mindestens 10 Minuten benötigt. Bis am Ende alle Weinberge gelesen sind, werden fast 400 Proben zusammengekommen sein!

Als am Abend die Ergebnisse vorliegen, steht fest, dass sich nun für alle Burgundersorten das optimale Reifefenster geöffnet hat. Jetzt gilt es zu entscheiden, in welcher Reihenfolge in den nächsten Tagen die Weinberge geerntet werden. Das Mostgewicht soll nicht zu hoch werden, Mostgewichte von 100° Öchsle oder mehr, und eine daraus resultierende Alkoholausbeute von 15 %vol. sind nicht unser Ziel!

 

Mittwoch, 12. September – 13. Lesetag
Der Sommer bleibt. Auch heute gibt es keine einzige Wolke am strahlend blauen Himmel, die Temperaturen klettern über 30 °C! Unser Team erntet heute bei einer hochsommerlichen Hitze!

Heute ist wieder Spätburgundertag! Wir wollen nicht, dass die Beeren durch Hitze, Trockenheit oder Überreife zu schrumpfen beginnen, da dies marmeladige Aromen in die Rotweine bringen würde. Wir möchten eine klare, kühle rote Fruchtaromatik und gute, reife Tannine, die den Weinen Struktur und Tiefe gibt. Zusammen gibt das Potenzial für große langlebige Rotweine!

Als am Abend alle Spätburgundertrauben gelesen sind, ist auch unser gesamtes Lagervolumen für die Rotweinmaischegärungen gefüllt. Nach zwei sehr, sehr kleinen Ernten in den Vorjahren ein gutes Gefühl, vor allem auch deshalb, weil die Traubenqualität traumhaft ist und hervorragende Rotweine erwarten lässt. Ideale Voraussetzungen für unser IM SONNENSCHEIN Spätburgunder Großes Gewächs. Sogar für unseren „X-periment“ genannten portweinartigen Likörwein ist eine gewisse Menge Spätburgunder vorgesehen.

 

Donnerstag, 13. September – 14. Lesetag
Nach den gestrigen Temperaturen über 30 °C sorgt ein bewölkter Himmel für ein wenig Abkühlung in der Nacht. Mit den Wolken ist auch wieder Sturm und Regen vorhergesagt. Aber aus Erfahrung wissen wir, dass in diesem Jahr nur selten auch das eintritt, was vorhergesagt wurde. Die normaleren Temperaturen um die 20 °C sorgen dafür, dass man nach „gefühlten 6 Monaten Sommer“ wieder lange Hosen und langärmelige Hemden aus dem Schrank holen muss. Einen so langen und warmen Sommer hat es schon ganz, ganz lange nicht mehr gegeben! Aber er ist ja noch nicht zu Ende!

Da wir heute die ersten Rieslingtrauben ernten möchten, sind uns die normalen Temperaturen nicht unrecht. Die etwa 80° Öchsle, die man für einen idealen Sektgrundwein braucht, sind erreicht, die Säure noch erstaunlich hoch. Auch hier wird wieder ein Teil mit der Korbpresse gekeltert. Allerdings ist dies bei Riesling durch den höheren Fruchtfleischanteil in den Beeren schwieriger und langwieriger als bei den Pinot-Sorten. Der größte Teil wird mit der pneumatischen Kelter als Ganztraubenpressung im Champagnerprogramm gepresst. Auch hier wird der letzte Presssaft abgetrennt und nicht für die Sektproduktion genommen, weil er mehr Bitterstoff und deutlich weniger Säure (3-4 g/l !) enthält. Wie die Pinot-Sektgrundweine wird auch der Riesling komplett in älteren kleinen Holzfässern vergoren.

Am Nachmittag beginnen wir noch mit der Ernte der Weißen Burgunder in unseren Muschelkalk-Weinbergen. Zuvor hatte eine Lesegruppe die Trauben für unseren π No.® geerntet. Sie sind von allen Burgundersorten, aus denen man Weißwein machen kann, in erster Linie Chardonnay und Weißer Burgunder, aber auch Grauburgunder und Auxerrois. Die Trauben aus diesem „gemischten Satz“ werden gleichzeitig reif und ergänzen sich im Wein zu einer tollen Harmonie mit viel Struktur und Länge.

 

Freitag, 14. September – 15. Lesetag
Gestern nach der Ernte sind tatsächlich noch einige Regentropfen gefallen. In der Nacht hat es dann noch etwas weiter „getröpfelt“, davon ist am Morgen nichts mehr zu sehen. Auch heute soll das wechselhafte kühlere Wetter bleiben. Zum Wochenende soll der Spätsommer wieder mit aller Kraft zurückkommen.

Schon am Morgen  beginnen wir unseren Weißburgunder-GG-Tag. Wir verteilen wieder die Aufgaben, eine Gruppe beginnt in Birkweiler und erntet die Weißen Burgunder-Trauben für das MANDELBERG Große Gewächs, die andere Gruppe beginnt in Siebeldingen mit Parzellen für das IM SONNENSCHEIN Große Gewächs.

Das Warten hat sich nun wirklich gelohnt: die absolut gesunden, perfekt reifen Trauben sind die ideale Basis für die beiden Großen Gewächse. Eine absolute Punktlandung!

Zuhause werden schon die Barriquefässer für Chardonnay, π No. und Sauvignon Blanc gerichtet. Die neuen Fässer aus Pfälzer und französischer Eiche müssen ausgepackt und mit heißem Wasser geschwenkt werden. Bei den Weiß- und Rotweinen, die in den kleinen Fässern ausgebaut und später als „R“-Weine mit dem markanten schwarzen Banderolen-Etikett in den Verkauf kommen werden, verwenden wir zwei Drittel neue Fässer und ein Drittel gebrauchte Fässer.

 

Samstag, 15. September – 16. Lesetag
Das „schöne Wetter“ kehrt wie vorhergesagt zurück! Das Thermometer klettert wieder deutlich über die 20 °C Marke.

Da nun auch Muskateller und Gewürztraminer in den Reifezielbereich gelangt sind, wird der heutige Tag zum Aroma-Tag. Auch hier ist unsere Aufteilung in zwei Gruppen wieder sehr vorteilhaft, weil es verschiedene Parzellen zu ernten gibt, die meisten in der Ersten Lage Godramsteiner Münzberg. Von beiden Rebsorten wird nicht alles geerntet, nur der Anteil, den wir als trockene Weine vorgesehen haben. Der Rest darf noch etwas länger hängen bleiben.

Auch hier sind wir froh nach zwei Jahrgängen mit sehr kleinen Weinmengen, endlich wieder eine normale Ernte einbringen zu dürfen. Beide Sorten hatten in den Vorjahren große Verluste vor allem durch Frost. Manchmal könnte man denken, dass die Natur immer wieder versucht etwas vorher Geschehenes ausgleichen zu wollen: deshalb nun das „Fruchtjahr“ mit sehr vielen Blüten, Obst und Gemüse nach den beiden sehr schwierigen Vorjahren. Die Natur hat im Laufe ihrer Evolution gelernt zu Überleben!

 

Sonntag, 16. September – Pause
Strahlender Sonnenschein schon am frühen Morgen sorgt dafür, dass sich heute wahre Menschenmassen nach Siebeldingen begeben werden. Seit über 20 Jahren findet am 3. Wochenende im September die Kulinarische Weinbergswanderung statt. Doch auch dieser Veranstaltung, die vor zwei Jahren als schönstes Weinfest der Pfalz ausgezeichnet wurde, bereitet die Klimaveränderung immer mehr Probleme, zumindest bei den teilnehmenden Weingütern. Begann in den ersten Jahren der Veranstaltung die Weinlese fast immer erst im Oktober, so hat sich diese im Laufe der Jahre immer mehr nach vorne verschoben und die Veranstaltung liegt damit mitten in der Weinlese.

Da dem Ruf der Einladung bei gutem Wetter einige Tausend Besucher aus nah und fern folgen, kann man diesen Tag nicht einfach so nebenbei mitmachen, denn die Veranstaltung findet in den Weinbergen statt. Dieses Format, vor 20 Jahren bahnbrechend, bedeutet aber auch, dass wir für einen Tag das gesamte Equipment, das für einen Ausschank im Freien benötigt wird, transportieren, auf- und abbauen müssen. Neben Zelten, Tischen, Bänken und Gläsern ebenso auch Wein und Getränke. Diese sollen natürlich bei den warmen Temperaturen auch noch richtig gekühlt sein. Trotz langer Erfahrung und inzwischen viel Routine bereitet uns diese Veranstaltung immer sehr viel Arbeit, Mühe und Kopfzerbrechen – und dies mitten in der wichtigsten Phase der Weinlese. Wenn das Wetter wie in diesem Jahr so schön mitspielt und viele Gäste sich aus dem Haus auf den Weg in die Siebeldinger Weinberge machen, hat sich der Aufwand am Ende ja gelohnt. Aber leider war das in den drei letzten Jahren nicht der Fall; da wurde die viele Arbeit leider nicht belohnt!

Unseren Erntehelfern gönnen wir heute eine Pause. Für den kompletten Aufbau und Ausschank im Weinberg haben wir eine andere Crew von Helfern organisiert. Beim Abbau am frühen Abend ist dann unsere ganze Heimmannschaft zur Stelle, so dass als es um 20 Uhr richtig dunkel wird im Weinberg schon alles abgebaut und nach Hause transportiert ist.

Im Kelterhaus gibt es natürlich noch genug zu tun: Keltern der gestern gelesenen Partie, abziehen, und einlagern der gestern gepressten Moste. Auch heute geht hier das Licht erst in der Nacht aus.

 

Montag, 17. September – 17. Lesetag
Am nächsten Sonntag soll der kalendarische Herbstbeginn sein. Bis dahin scheint der Sommer aber noch einmal zeigen zu wollen, was er alles kann, und dies in 2018 bereits mehr als üblich bewiesen hat! Als die Lesehelfer um 8:30 Uhr in den Weinberg fahren ist die 20 °C Marke schon überschritten! Am Nachmittag steigt das Thermometer bis knapp an die 30 °C.

In diesem Jahr zeigt sich, dass die Traubenproben, die wir immer wieder holen, bedingt durch die sehr gleichmäßige Traubenreife und vor allem den hervorragenden Gesundheitszustand so präzise wie selten sind. Mehr als 2° Öchsle weicht das Mostgewicht des eingelagerten Mostes vor der Gärung nie von den Proben ab. Dies gibt viel Sicherheit bei den Entscheidungen, welche Weinberge wann geerntet werden sollen. Deshalb war bisher im gesamten Herbst jede einzelne Entscheidung auch immer ein Treffer voll ins Schwarze. Angesichts der bisher schon geernteten Partien und den guten Wetteraussichten macht sich deshalb allmählich auch eine gewisse Gelassen- und Zufriedenheit bei allen Verantwortlichen breit.

Wohl gelaunt geht es deshalb heute in den Chardonnay-Tag. Mit dieser Rebsorte, von der wir 1988 die ersten offiziellen Reben in ganz Rheinland-Pfalz gepflanzt hatten, sind heute fast 10 % unserer Weinbergsfläche bestockt. Da davon einige Weinberge erst in diesem Jahr grünveredelt, also auf den alten Rebstamm einer anderen Rebsorte eine Chardonnay-Knospe aufgepfropft wurde, und schon einige Weinberge in der Vorwoche geerntet wurden, müssten alle anderen Chardonnay-Weinberge heute eigentlich zu schaffen sein. Bei der sensationellen Traubenreife in diesem Jahr geht die Ernte so einfach wie nur ganz selten - nur schneiden, schneiden, schneiden! So gelingt unser Vorhaben auch, am Abend sind die letzten Chardonnay-Trauben geerntet.

 

Dienstag, 18. September – 18. Lesetag
Das späte hochsommerliche Wetter hält auch heute weiter an. Schon um 8 Uhr in der Frühe steigt das Thermometer über 20°C, am Nachmittag werden sogar 30°C erreicht! Nicht nur die Erntemannschaft leidet unter der Hitze, auch unseren Reben würden sicherlich gemäßigtere Temperaturen gut tun. Im Boden ist von der Feuchtigkeit nach dem Regen vor 10 Tagen nichts mehr übrig.

Die erfolgreich abgeschlossene Chardonnay-Ernte gestern bedeutet, dass jetzt außer dem Gewürztraminer-Weinberg Albersweiler Latt und den noch für edelsüße Spezialitäten vorgesehenen Muskateller und Gewürztraminer nur noch Riesling zu ernten ist. Wobei dieses „nur noch“ bei unserem 40%igen Riesling-Anteil wiederum noch eine ganze Menge Arbeit ist. So gerne wir das ideale Wetter auch ausnützen und mit der Lese der nächsten Weinberge fortfahren würden, müssen wir nach den letzten Beerenproben feststellen, dass bis zur gewünschten Qualität in den meisten Weinbergen noch einiges fehlt. Trotz guten Wetters ist die Mostgewichtszunahme in der letzten Woche meist nur ein oder zwei ° Öchsle, ein Wert, der normalerweise bei optimalen Bedingungen auch an einem einzigen Tag zu verzeichnen ist. Ein Grund dafür dürfte in den Böden unserer mit Riesling bepflanzten Weinbergen zu suchen sein. Es sind fast ausnahmslos die sehr steinigen, kargen, warmen Böden, die durch ihre gute Erwärmbarkeit bei Hitze auch mehr Wasser als tiefgründige Böden verdunsten lassen. Durch ihren ohnehin skelettreicheren Aufbau weisen sie zwar eine bessere Drainage-, aber auch eine schlechtere Wasserhaltefähigkeit auf.

Das zähe Ringen um jedes ° Öchsle beim Riesling scheint in allen besten Weinbergslagen in diesem Jahr eine Schwierigkeit zu sein, denn egal mit welchen Kollegen ich mich austausche, auch in anderen Teilen der Pfalz oder anderen Weinbauregionen ist die Lese der besten Riesling-Qualitäten eine etwas langwierigere Angelegenheit!

Da dem Gewürztraminer warme Bedingungen nichts auszumachen scheinen, und die noch im „Godramsteiner Münzberg“ verbliebenen Trauben inzwischen über 100° Öchsle erreicht haben, werden sie von unserem kleinen Team geerntet. Es ist der ideale Stoff für eine edelsüße Spätlese. Um zu sehen, ob unsere Messungen auch beim Riesling realistisch sind, ernten wir auch noch einen Weinberg, dessen Boden etwas mehr Lehmanteil aufweist. Deshalb ist hier die angestrebte Qualität schon erreicht, Säure und pH-Wert sind noch sehr gut.

 

Mittwoch, 19. September – Pause
Trotz besten Wetterbedingungen gönnen wir uns heute eine „kreative“ Pause um uns neu zu orientieren, zu beratschlagen und um im Kelterhaus und Keller einiges abzuarbeiten. Die ersten Rotweine müssen nach erfolgter Maischegärung gekeltert werden. Auch weitere Barriquefässer müssen für Chardonnay und Rotwein vorbereitet werden.

 

Donnerstag, 20. September – 19. Lesetag
Die Wettervorhersage verkündet uns den letzten echten Sommertag mit viel Sonnenschein vor dem Herbstanfang am Wochenende. Genau so kommt es auch.

Um nicht bei der gesamten Riesling-Rebfläche mit der Lese abzuwarten, ernten wir heute wieder mit der großen Mannschaft. Nur mit allen Lesehelfern werden wir die Parzellen im Modenbachtal auch alle lesen können. Die Parzellen sind seit vielen Jahren von den Schwiegereltern in Hainfeld gepachtet und deren Terroir ähnelt, aufgrund der sehr ähnlichen Bodenbeschaffenheit, sehr der des Queichtals um Siebeldingen.

Heute gibt es zum Mittagessen belegte Brötchen, diese kann man auch im Feld essen. Der Weg vom Weinberg nach Hause und wieder zurück wäre bei der Entfernung von 8 km zu aufwendig und die Pause verkürzend. Die sonst dort bei Lese übliche Suppe wäre bei den heutigen noch sommerlichen Temperaturen wirklich nicht angebracht.

Am Abend sind wir mit dem Erreichten sehr zufrieden. Wir haben gute Qualitäten für unseren Gutswein oder den Terroirwein „vom Bundsandstein“. Auch eine gute Qualität aus einem Weinberg mit viel verwittertem Schiefer im Boden haben wir wieder ernten können, welche wir wie in den letzten Jahren in einer großen Tonamphore ausbauen werden.

 

Freitag, 21. September – 20. Lesetag
Der herrliche Spätsommer scheint nun wirklich zu Ende zu gehen. Am Morgen kann man zwar vom angekündigten Wetterumschwung noch nichts ahnen, denn die Temperaturen sind noch sehr warm, der Himmel noch sonnig und blau. Aber im Laufe des Vormittags ziehen immer mehr Wolken auf und am frühen Nachmittag regnet es etwas, am Ende sind es 3,5 Liter/m2.

Am Vormittag ernten wir noch in zwei kleineren Weinbergen Riesling, deren Qualität uns auch schon jetzt vollauf genügt. Vor der für Sonntag angekündigten Schlechtwetter- und Starkregenfront wollen wir diese Trauben noch in den sicheren Keller bringen.

 

Samstag, 22. September – Pause
Der ständig bedeckte, graue Himmel, Wind, ein paar Regentropfen und kühlere Temperaturen lassen unsere Entscheidung, mit der Lese erst einmal abzuwarten, richtig erscheinen.

Im Keller gibt es mehr als genug zu tun: keltern, Barriquefässer vorbereiten, füllen und in den Barriquefasskeller transportieren und stapeln. Langweilig wird es uns noch nicht.

 

Sonntag, 23. September – Pause
Kalendarischer Herbstbeginn!
Dies geschieht mit einer Vehemenz, die uns noch lange in Erinnerung bleibt. Die Wetterumbruchlinie zieht von Nordwesten auch zu uns. Mit orkanartigen Böen und Windgeschwindigkeiten von über 170 km weht er über die Gipfel des Pfälzer Waldes hinweg. Zunächst denken wir, dass das meiste des angekündigten starken Regens wieder über oder an uns vorbeizieht, doch dann bricht der Sturm den Regen der durch den starken Wind fast waagrecht daher kommt. Es wirkt wie in alten Filmen, wenn mit Feuerwehrschlauchhilfe und Regenmaschinen eine ganz und gar grässliche Regensituation vorgegaukelt werden soll. Zuhause sind alle Wände und Fenster von allen Seiten und oben bis unten platschnass. Der Regenmesser der Siebeldinger Wetterstation verzeichnet nur 25 Liter/m2, weil nicht das ganze Wasser des wild umher wirbelnden Regens in den Messbehälter gelangt. Aber in Wirklichkeit sind es wahrscheinlich eher 45 Liter, die sich am Ende in den meisten Regenmessbehältern hier befunden haben.

Was dieser Sturm und Regen für uns und die restliche Ernte bedeutet, wissen wir jetzt noch nicht. Wir sind einerseits überrascht über die Regenmenge, denn soviel war in keiner Vorhersage erwartet worden. Da der Regen aber so plötzlich und stark kam, denken wir, dass ganz viel davon gar nicht richtig in den Boden gelangt, da er durch die lange Trockenheit noch gar nicht richtig aufnahmefähig war, und deshalb als Oberflächenwasser schnell abgelaufen ist. Auch scheinen uns die Trauben durch ihren außergewöhnlich gesunden Zustand (noch) nicht allzu anfällig zu sein. Der letzte starke Regen hat uns ja eher ein Riesenschritt Richtung Reife gebracht als geschadet. Aber was dies am Ende wirklich bewirkt, wird sich erst in den nächsten Tagen zeigen.

 

Montag, 24. September – Pause
An Ernte ist natürlich nach dem gestrigen Regen heute nicht zu denken. Aber auch weil die Mostgewichte der besten Riesling-Weinberge noch nicht im angestrebten Bereich sind. Deshalb wollen wir die Lesepause nutzen um uns in Sachen Reife auf den neusten Stand zu bringen. Wieder einmal werden die noch zu erntenden Weinberge beprobt. Es sind noch über 8 ha, etwa ein Drittel unserer gesamten Rebfläche, mit all unseren Spitzenlagen KASTANIENBUSCH, IM SONNENSCHEIN und GANZ HORN sowie dem Frankweiler Biengarten.

Doch als am späten Nachmittag die Ergebnisse vorliegen, ist die Enttäuschung riesengroß! Während bei Muskateller und Gewürztraminer in den letzten acht Tagen noch eine kleine Mostgewichtszunahme zu verzeichnen ist, tut sich beim Riesling absolut gar nichts! Auch die bisher auf einem recht hohen Niveau stabile Säure ist etwas milder geworden. In allen Riesling-Weinbergen haben wir gegenüber den Messungen von vor einer Woche auch noch Mostgewicht verloren und liegen meist wieder auf dem Level von vor zwei Wochen! Ob der starke Regen vom Sonntag hierfür ein Grund ist, wissen wir jetzt noch nicht. Es bleibt uns nun nichts anderes übrig als abzuwarten und zu hoffen.

Wir wissen jetzt auch, dass es nichts nützt nur einen oder zwei Tage abzuwarten, wir geben unseren Lesehelfern Bescheid, dass wahrscheinlich in dieser Woche nicht mehr geerntet werden wird. Für uns gilt es nun Ruhe und Nerven zu bewahren, und alles abzuarbeiten, was in den letzten Wochen liegen geblieben ist, wie z. B. das Herbsttagebuch.

 

Dienstag, 25. September bis Sonntag, 30. September – Pause
Das Wetter bleibt sich auch in diesen Tagen treu: Es ist zwar kühler geworden, aber die ganze Zeit trocken. Die Sonne scheint die meiste Zeit an einem blauen Himmel mit wenigen Wolken. Was sich geändert hat, sind die Nachttemperaturen. Sie sind jetzt nur noch einstellig und durch den klaren Himmel kühlt es jetzt nachts schon so stark ab, dass man durchaus auch einmal mit einem Nachtfrost rechnen muss. Am 30.9. sind es morgens nur noch 1,9 °C.

Wir nutzen über die Woche auch die Zeit um in den Riesling-Weinbergen alle Trauben an sehr durch Trockenheit gestressten Reben abzuschneiden. Dadurch erleichtern wir die Arbeit bei der späteren Lese, weil man dann diese nicht mehr aussortieren muss, entlasten den Stock und nehmen Trauben weg, die sich auf den Wein später nicht positiv ausgewirkt hätten. Erfahrungsgemäß kann dies zu Bittertönen und schnellerer Alterung führen.

Am Freitag holen wir noch einmal Proben. Die Ergebnisse sind nun deutlich vielversprechender. Die Mostgewichte sind nun so, dass wir im KASTANIENBUSCH recht sicher davon ausgehen können auch in 2018 dort ein Großes Gewächs ernten zu können. Auch im IM SONNENSCHEIN müsste dies zu erreichen sein. Da sich auch im GANZ HORN wieder etwas bewegt hat, bleibt hier genügend Hoffnung, dass uns auch hier eine Ausgabe dieses inzwischen für uns ganz wichtigen Weines gelingen könnte.

Da das Wetter auch weiterhin recht stabil vorausgesagt wird geben wir all unseren Lesehelfern das Signal, dass es am Montag weitergeht. Bleibt noch die ganz wichtige Frage, mit welchem Weinberg fangen wir an? Reicht es in den Große-Lage-Weinbergen schon für Große Gewächse? Diese Entscheidung ist auch am Sonntagabend noch nicht endgültig getroffen. Sie beschäftigt uns noch die ganz Nacht! Es geht nicht nur um das Abschneiden von ein paar Riesling-Trauben, es geht um die wichtigsten Weine und Qualitäten unseres Weingutes!  

 

Montag, 1. Oktober – 21. Lesetag
Auch am frühen Morgen, als ich unseren australischen „Cellar Hand“ zum Frankfurter Flughafen bringe, ist die Entscheidung noch nicht endgültig gefallen, wohin die Lesemannschaft um 8:30 Uhr ausrücken soll. Erst einmal in Siebeldingen die Weinberge, die für den mineralischen kompromisslosen „Ökonomierat“ Riesling oder den „Buntsandstein“ vorgesehen sind als „Nummer-Sicher-Variante“ wählen, oder gleich nach Birkweiler in den Kastanienbusch? Eine letzte kurze Abstimmung zwischen Junior und Senior bringt die Entscheidung: Kastanienbusch!

Wir beginnen in den unteren Gewannen mit Weinbergen, die am Ende meist im Terroirwein „vom Rotliegenden“ landen. Das Risiko noch etwas minimieren. Sicher werden sich jetzt einige fragen, welches Risiko meint er? Wir wissen nicht wie genau unsere Messungen waren. Es gab ja auch nicht viel Spielraum beim gemessenen Mostgewicht. Und bis man ein einigermaßen echtes Ergebnis vorliegen hat, braucht man schon eine gewisse Menge Trauben, die dann unwiederbringlich abgeerntet sind. Und die einzelnen Parzellen weisen in diesem trockenen Jahr auch recht große Unterschiede auf. Deshalb habe ich, bevor ich mich Richtung Flughafen auf den Weg machte, noch ausgemacht, dass von jeder Lesegruppe, sobald der erste Wagen voll ist, die Trauben sofort nach Hause gebracht, abgemahlen und das Mostgewicht gemessen werden soll. Kurz nach 10 kommen die ersten Meldungen. Sie bestätigen zumindest die Messungen vom Freitag. Aber es ist auch recht schwierig einen echten Wert zu bekommen, da das Mostgewicht abhängig von welcher Stelle man den Saft auf das Refraktometer tropft, noch sehr unterschiedlich ausfallen kann. Das zweite Meldung mit dem Ergebnis des anderen Leseteams ist mehr als erfreulich! Das Warten in der letzten Woche scheint sich gelohnt zu haben, das 2018er GG aus dem KASTANIENBUSCH bleibt keine Vision mehr!

Doch bis dahin ist noch ein langer Weg. Unser Besitz im Kastanienbusch ist mit 3,5 ha inzwischen recht groß. In den letzten Jahren haben wir zu der fast 2 ha großen „Urparzelle“, die der Ökonomierat in den 50er Jahren bei der Flurbereinigung an der steilsten und schwierigsten zu bearbeitenden Stelle des steilen Südhangs ganz oben hatte zusammenlegen lassen, weitere sehr gute Weinberge bekommen. Wir fangen mit der Ernte ganz unten (220m ü. NN.) an und arbeiten uns Stück für Stück nach oben „Richtung Himmel“ vor, was in diesem Fall 320m ü. NN. bedeutet - die höchst gelegene VDP.Große Lage der Pfalz.

Das Wetter ist heute schon richtig herbstlich. In der Nacht und am Morgen ist es durch den bedeckten Himmel nicht ganz so stark abgekühlt wie in den letzten Tagen. Das bedeutet aber auch, dass es am Nachmittag nicht über 15 °C warm wird. Der Wind sorgt dafür, dass es sich für unsere Lesehelfer noch deutlich kälter anfühlt. Nur unsere Büttenträger frieren nicht. Traditionell werden im Kastanienbusch alle Trauben mit „Hotten“ aus dem Weinberg getragen. In den steilen Weinbergen des Kastanienbuschs ist das Durchfahren der Rebzeilen mit Traktor, Anhänger und Lesebütten durch den großen Schlupf an den Rädern zu gefährlich.

Tag 1 der Kastanienbusch-Ernte geht zu Ende für müde Lesehelfer, da hier die Weinberge für die verschiedenen Lesedurchgänge mehrmals rauf und runter durchlaufen werden, und für nicht unzufriedene Entscheider, weil wir nun wissen, dass unsere „Sabbatwoche“ absolut Sinn gemacht hat.

 

Dienstag, 2. Oktober22. Lesetag
Mit müden Knochen vom Vortag geht es bei grauem, nebelig trübem Wetter in der Frühe wieder „auf den Berg“. Dadurch ist auch die sonst sensationelle Sicht vom Kastanienbusch in die Rheinebene heute nur zu erahnen. Aber für uns winkt die Aussicht auf hervorragende Trauben in vor wenigen Tagen noch nicht erhoffter Qualität. Man sieht nun auch an der Laubverfärbung, dass die Pflanzen sich auf das Vegetationsende einstellen. Da sie mit dem Laubfall nicht alle für den Saftfluss notwendigen Inhaltsstoffe verlieren wollen, lagern sie diese in das Holz und die Früchte ein. Diese „Physiologische Reife“ gibt den Trauben immer noch einmal einen letzten Schubs.

Inzwischen haben die meisten Kollegen schon die Ernte abgeschlossen. Mit dem Einsatz der Erntemaschinen, die inzwischen sehr effizient 95 % der Pfälzer Ernte einbringen, ist auch die Herbstzeit in den Weinregionen viel unromantischer geworden. Schon lange gibt es die vielen verschiedenen Lesemannschaften der Weingüter nicht mehr. Man hört dafür am Tag und in der Nacht die Gebläse der Vollernter, und hört die Traktoren, die das Erntegut nach Hause bringen. Die Maschinen arbeiten ordentlich und schnell, in nicht einmal zwei Stunden wäre die Fläche geerntet, die wir mit unseren beiden Leseteams an einem Tag schaffen. Aber die Lesequalität, die wir uns vorstellen und die wir sehr aufwendig durch unsere sehr selektive Handlese oft erst in mehreren Lesedurchgängen erhalten, ist auch mit modernster Technik nicht zu erreichen.

Jetzt zahlt sich auch die Vorarbeit, das Entfernen der Trauben von trockengestressten Rebstöcken aus. Da die Reben in den Parzellen des Kastanienbuschs aufgrund ihrer sehr unterschiedlichen und meist sehr geringen Bodenauflage über dem Rotliegenden Felsen im Untergrund oft einen sehr heterogenen Wuchs haben, markieren wir im Weinberg die Rebstöcke kurz vor der Ernte, damit das Leseteam sieht, in welchem Durchgang hier die Trauben geerntet werden sollen: „normal, lockerbeerig“ oder „wüchsig, kompakt“ oder die Trauben von schwachwüchsigen, jüngeren und gestressten Reben. Oft sind die Mostgewichte dieser unterschiedlichen Durchgänge gar nicht so sehr unterschiedlich. Aber die Unterschiede im Geschmack, bei den Säurewerte und letztendlich in der Qualität machen diesen Aufwand mehr lohnend.

Wie erhofft, erreichen alle Parzellen, die wir heute am Tag 2 im Kastanienbusch ernten, den Mostgewicht-Bereich für ein Großes Gewächs. Welche Partie am Ende jedoch wirklich in unserem Spitzenwein landen wird, entscheidet sich erst im Frühjahr, wenn alle Partien fertig vergoren sind und verkostet werden. Auf jeden Fall ist jetzt schon sicher, dass wir dann die Qual der Wahl haben, aus einigen sehr interessanten Partien die richtigen auszuwählen. Vor wenigen Tagen sah das wirklich noch nicht danach aus!

Während gestern wegen des unwirtlichen Wetters das Mittagessen entgegen der Tradition nicht im Weinberg stattfand, und sich so die Helfer zuhause etwas erholen und aufwärmen konnten, findet dies heute wie sonst üblich oben statt. Aber wir bringen unsere große Eisenschale mit und machen im Weinberg ein Feuer zum Aufwärmen.

 

Mittwoch, 3. Oktober, Tag der Deutschen Einheit23. Lesetag
Die Nacht ist grau und wolkenverhangen. In der Frühe sinkt die Feuchtigkeit wie ein Nebel herab und überzieht alles mit ganz kleinen Tröpfchen. Wir überlegen zunächst, ob wir in einem anderen, nicht ganz so wichtigen Weinberg in Siebeldingen beginnen sollen, verwerfen jedoch den Plan wieder, weil der Wind doch schnell alles wieder schön abtrocknet.

So geht es, wie schon seit gestern Nachmittag, wieder in die zweieinhalb Hektar große „Königsparzelle“ ganz oben im Kastanienbusch. Die Wolken verschwinden schnell, es kommt sogar wieder die Sonne, die immer noch genug wärmende Kraft hat, heraus. Aber gerade als wir wieder alle Tische und Bänke fürs Mittagessen aufgebaut haben, ziehen erneut Wolken auf und lassen alle spüren, dass es Oktober geworden ist. Eine wärmende Suppe kommt jetzt gerade recht. Als es zurück an Arbeit geht, kommt auch die Sonne noch mal hinter den Wolken hervor.

Es zeigt sich, dass unsere drei Durchgänge bei der Lese doch etwas zeitaufwendiger sind als erwartet, deshalb schaffen wir es auch am Tag 3 der Kastanienbusch-Ernte nicht alles fertig zu ernten.

 

Donnerstag, 4. Oktober – 24. Lesetag
Durch den klaren, wolkenlosen Himmel ist die Nacht wieder recht kalt. Dadurch kann bei strahlendem Sonnenschein tagsüber die Temperatur aber auch wieder ganz schnell ansteigen und angenehme Arbeitsbedingungen schaffen.

Weil die Weinberge schon zweimal durchgeerntet wurden, ist der dritte Durchgang schon so schnell erledigt, dass noch vor der Mittagspause „ins Tal“ gewechselt werden kann. Dort haben nach der einwöchigen Pause die Trauben auch die gewünschte Reife erreicht. Wir ernten die Parzellen, die mit ihrer fast schon „Fleur de Sel“-artigen feinsalzigen Mineralität im Abgang meist die Kandidaten für den „Ökonomierat“ oder den „vom Buntsandstein“ Riesling sind. Geschmack, Reife und Säure stimmen auch hier.

 

Freitag, 5. Oktober – 25. Lesetag
Der Tau der Nacht ist schon am frühen Morgen durch den leichten Wind und die kräftige Sonne verdunstet. Auch heute ist uns wieder ein schöner warmer Tag mit ganz viel Sonnenschein vorausgesagt. Genau das richtige Wetter für unser heutiges Programm. Denn am Nachmittag wollen wir die Rieslingtrauben für unser Großes Gewächs IM SONNENSCHEIN ernten.

Davor gilt es aber noch die letzten Trauben aus den intern „Lamberstöck“ und „Forst“ genannten Weinbergen sicher ins Kelterhaus zu bringen. Es sind Weinberge, die bisher noch nicht in der VDP-Klassifikation auftauchen, die aber sicherlich im Laufe der nächsten Jahre als Erste Lage Weine erscheinen werden. Bis dahin müssen jedoch noch einige bürokratische Hürden überwunden werden. Qualitativ gehören die Weine aus diesen Weinbergen schon immer zu den Markantesten.

Das Alter der insgesamt 1,2 ha großen Rieslingweinberge, die als VDP.Große Lage IM SONNENSCHEIN klassifiziert sind, ist so verschieden wie sonst bei keiner unserer anderen Weinlagen. Es reicht von 3 bis fast 60 Jahren. Deshalb erwarten wir auch recht große Unterschiede bei Qualität und Mostgewichten. Die besten Partien davon werden das Große Gewächs ausmachen, aus den anderen wird später der Terroirwein „vom Muschelkalk“.

 

Samstag, 6. Oktober – 26. Lesetag
Auch heute trocknet der leichte Wind und die Sonne die Nachtfeuchtigkeit in der Frühe wieder ganz schnell ab. Das Wetter wird für die ganze nächste Woche so stabil trocken und warm vorausgesagt, dass man fast verleitet wird, vielleicht doch noch etwas abzuwarten. Aber mehr als eine kurze Überlegung wird aus diesem Gedankenspiel nicht. Denn inzwischen sind einerseits auch die letzten Trauben reif, andererseits das Laub schon so stark verfärbt, dass selbst bei diesen Bedingungen kaum mehr eine Zuckerproduktion über Assimilation zu erwarten wäre. Auch unsere Lesehelfer fragen inzwischen täglich, wann die Lese fertig sein wird. Nach fast sechs Wochen wollen sie nach Hause.

Aber bis es soweit ist, gibt es noch einiges zu tun. Für uns noch ganz wichtige Dinge! Denn es sollen noch die zwei Riesling GGs Im Sonnenschein und Ganz Horn geerntet werden, und wir sind natürlich sehr gespannt, was wir aus Muskateller und Gewürztraminer am Ende noch Gutes bekommen.

Die Ergebnisse aus den gestern geernteten Rieslingweinbergen der VDP.Großen Lage IM SONNENSCHEIN sind wie erwartet sehr unterschiedlich ausgefallen. Nur ein Weinberg hat bisher das angestrebte Qualitätsniveau sicher erreicht. Damit die riesigen Mostgewichtsunterschiede von alten und jungen Reben in unserem mit 58 Jahren ältesten Riesling Weinberg „Rieser“ nach der Lese nicht nur zu einem langweiligen Durchschnitt werden, markieren wir nun vorher noch alle jungen und gestressten Stöcke, und ernten den alten Weinberg in zwei Durchgängen. Als wir am Nachmittag das Mostgewicht messen, stellen wir fest, dass der Unterschied 12° Öchsle ausmacht. Aber wir stellen auch fest, dass es uns durch die beiden Durchgänge gelungen ist, eine weitere Partie für unser Großes Gewächs zu bekommen.

Bis zum Mittag macht das Wetter der Lage IM SONNENSCHEIN alle Ehre, als wir nach dem Essen über die Weinstraße in die Parzellen der klassifizierten VDP.Großen Lage GANZ HORN wechseln, versteckt sich die Sonne hinter den Wolken. Wir beginnen in den jüngeren Weinbergen und wissen, dass es auch hier nicht einfach sein wird die angestrebte Qualität zu bekommen. Die jüngeren Reben haben über den sehr trockenen Sommer doch sehr gelitten. Das Ergebnis ist am Ende auch sehr heterogen. Wir müssen also auch hier auf die Trauben aus dem ältesten Weinberg setzen.

 

Sonntag, 7. Oktober – 27. Lesetag
Am Morgen ist es von der Temperatur recht angenehm. Es gibt kaum mehr Tau, da durch die trockenen letzten Tage in der Luft und am Boden kaum mehr Feuchtigkeit vorhanden ist. Es wird ein schöner sonniger Sonntag mit über 22 °C.

Obwohl es Sonntag ist, treten alle Lesehelfer auch heute wieder an, mit der Gewissheit, dass dies der vorletzte Erntetag sein wird. Nachdem die gestern geernteten, jüngeren Weinberge des GANZ HORN noch nicht ganz die erhofften Ergebnisse gebracht haben, werden auch in der alten Urparzelle alle Rebstöcke begutachtet und farblich markiert. Da in einem älteren Weinberg Jahr für Jahr einige Rebstöcke vor allem durch die Pilzkrankheit ESCA absterben und danach durch neue Reben ersetzt werden, gibt es in trockenen Jahren durch diese heterogene Altersstruktur recht große Reifeunterschiede zwischen den Trauben von alten und jüngeren Reben. Um diese Reifeunterschiede feststellen und am Boden farblich markieren zu können, müssen alle Trauben betrachtet werden, ob sie prall und voll, oder welk und grau sind. Im Zweifelsfall muss man die Beeren probieren und so die Entscheidung treffen.

Da diese Bonitur bei der 0,8 Hektar großen Parzelle einige Zeit in Anspruch nimmt, entscheiden wir uns zunächst zur Ernte in der VDP.Ersten Lage Frankweiler Biengarten. Auf dem Muschelkalk ganz in der Nähe der VDP.Großen Lage IM SONNENSCHEIN haben die Reben weniger unter der Trockenheit gelitten, auch deshalb, weil der Weinberg mitten im Hang eine bessere Wasserversorgung hat als Parzellen auf einer Kuppe. Die Trauben sind lockerbeerig, schön goldgelb und schmecken sehr gut und würzig. Bis zum Mittagessen – heute wird gegrillt – ist der Weinberg geerntet und wir sind sehr gespannt, ob es uns durch die Traubenbonitur gelingen wird, auch die Qualität für das Große Gewächs aus der VDP.Großen Lage GANZ HORN erreichen zu können. Recht schnell steht fest, dass sich auch heute die Traubenbegutachtung wieder auszahlt. Der Unterschied im Mostgewicht beträgt mehr als 10 °Öchsle, vor allem der Geschmack der Trauben ist hervorragend.

Als der Sonntag zu Ende geht, sind alle zufrieden. Das Leseteam ist froh, weil fast alles geschafft ist, und ab Mitte der Woche wieder der normale Tagesablauf beginnen wird. Aber auch wir, die alle Entscheidungen treffen und das Risiko dabei tragen. Weil wir wissen, dass in diesem Jahr alles richtig und perfekt war und, dass auch für uns nun endlich wieder eine normalere, weniger anstrengende und anspannende Zeit kommen wird.

 

Montag, 8. Oktober – 28. und letzter Lesetag
Am letzten Tag zeigt sich das Wetter noch einmal von seiner allerschönsten Seite. Die leichte Feuchtigkeit der Nacht ist schon verschwunden als die Lesehelfer eintreffen. Es ist immer eine besondere Stimmung, weil man weiß, dass heute der letzte Tag der Ernte ist und die meisten sich nach sechswöchiger intensiver Teamarbeit für fast ein Jahr danach nicht mehr sehen werden. Auch das gute Gefühl gemeinsam alles geschafft zu haben, ist am letzten Tag bei allen präsent.

Doch bis es soweit ist, muss zuerst noch gearbeitet werden. Wir teilen die Gruppen wieder auf. Die eine Gruppe erntet im Ganz Horn noch die Trauben, die wir in der Bonitur als schwächer eingestuft hatten. Die andere Gruppe darf Muskateller ernten. Hier wollen wir versuchen zwei unterschiedliche Qualitäten herauszuarbeiten. Deshalb haben alle Helfer zwei Leseeimer um die Trauben ohne Rosinen und die mit Rosinen trennen zu können. Bevor die Trauben mit Rosinen in die Transportbütten geleert werden, werden sie auf einem Sortierblech noch einmal ganz genau kontrolliert und dabei alle schlechten Beeren aussortiert. Die Lese ist durch diese Selektion so zeitaufwendig, dass dort auch am Nachmittag noch zu tun ist. Die andere Gruppe wechselt schon vor dem Essen in unseren ältesten Weinberg, der 1947 von meinem Großvater, dem Ökonomierat, mit Gewürztraminer gepflanzte Terrassen-Pergola-Anlage, die VDP.Erste Lage Albersweiler Latt. Nach dem Totalausfall im Jubiläumsjahr 2017 scheinen die Reben nun wieder etwas gut machen zu wollen und tragen herrliche Trauben in hoher Auslese-Qualität. Nach der sehr erfolgreichen Muskateller-Ernte mit Auslese- und Beerenauslesemostgewicht hilft auch diese Gruppe noch in der Albersweiler Latt.

Wie in den letzten Jahren werden für die letzte Fahrt aus dem Weinberg ins Weingut alle Traktoren, Anhänger und Transporter mit Reblaub geschmückt und noch einige Kränze aus Weinlaub gebunden, die die Fahrer sich auf den Kopf setzen. Danach geht es mit einem schon von weitem hörbaren Hupkonzert nach Hause, wo wir uns noch einmal bei allen mit einem Glas Sekt bedanken und die obligatorischen Gruppenfotos machen.

 

 

Ein erstes Resümee
Die Lese des Weinjahrgangs verlief genauso außergewöhnlich wie die gesamte Vegetation. Es gab ein paar Fakten, die bei uns neue Bestmarken sind. Dazu gehört natürlich der früheste Lesebeginn noch im August. Natürlich ist dies auch durch die Ernte von Sektgrundweinen begründet, aber auch dies war nur möglich durch eine Vegetation, die manchmal in so unglaublicher Geschwindigkeit ablief, dass man mit den Arbeiten fast nicht nachkam. Hätte es in der zweiten Jahreshälfte noch ein wenig mehr geregnet, dann hätte die Trockenheit nicht den Wachstums- und Reifeverlauf eingebremst, und alles wäre noch schneller gewachsen und früher fertig gewesen.

Wir hatten in diesem Jahr 23,3 ha zu ernten. Die Reben in unseren Jungfeldern (0,65 ha) und den im Sommer umveredelten Weinbergen (0,45 ha) hatten noch keine Trauben.

Nach zwei Jahrgängen mit sehr kleinen Erträgen haben wir nun endlich wieder eine mengenmäßig sehr gute Ernte einbringen dürfen, die dabei alle Qualitäten bis zu edelsüßen Spitzen abdecken wird, die Sie und wir uns wünschen.

Durch das auch in der Lese vorherrschende Wetter gab es, was den Lesezeitpunkt anging, relativ wenig Druck. Aber man durfte nicht zu früh ernten, weil sonst unreife, langweilige und kurzlebige Weine das Ergebnis wären, und nicht zu spät ernten, da niemand mehr mächtige, Alkohol schwere Weine wie im heißen Jahr 2003 wünscht. Das Zeitfenster für die richtige Entscheidung blieb durch den außergewöhnlich gesunden Zustand der Trauben erstaunlich lange offen. Aber durch die Trockenheit war es nicht immer einfach herauszufinden, wann die Trauben in jedem einzelnen Weinberg perfekt reif sind, denn das Alter der Reben und die Beschaffenheit der unterschiedlichen Böden sorgten in diesem Jahr für sehr große Unterschiede. Ohne unsere ständigen Traubenproben in den Weinbergen hätten wir sicherlich nicht am Ende das perfekte Ergebnis so hinbekommen. Am Ende waren es fast 400 Proben aus je 100 verschiedenen Beeren, die zuerst gesammelt, danach gepresst und auf Mostgewicht und Säure untersucht werden mussten. Die Ergebnisse waren in diesem Jahr mit höchstens 2 °Öchsle Abweichung so genau wie selten zuvor und deshalb die ideale Basis für viele Entscheidungen!

Interessant erscheint mir auch die Tatsache, dass wir bei besten Wetterbedingungen und idealem Zustand der Trauben um unsere gesamte Ernte einzubringen 28 Lesetage benötigten, die sich aber über insgesamt 6 Kalenderwochen verteilten! Auch dies ist typisch für warme trockene Jahre, weil dann die Rebsorten sehr unterschiedlich mit diesen Bedingungen zurechtkommen. Die Burgunderrebsorten, Sauvignon Blanc, Gewürztraminer, Silvaner und in diesem Jahr auch Muskateller wurden in diesem Jahr deutlich schneller reif als Riesling. Hier war zwar schon recht früh die Grundreife mit 80 °Öchsle erreicht, für die weiteren Schritte Richtung Große Gewächse jedoch bedurfte es viel Geduld und sehr gute Nerven, denn abwarten müssen ist auch nicht immer einfach, weil man sich gegenseitig verunsichert, die meisten Kollegen schon lange fertig sind und vor allem vorher ja nie weiß, ob die Entscheidung am Ende richtig war und das Risiko sich gelohnt hat!

Wir wissen jetzt, dass sich unsere Neuerungen bewährt haben. Der Einsatz von Obstkisten bei der Lese von Trauben für die Ganztraubenpressungen beim Sektgrundwein wird sicherlich in Zukunft ebenso beibehalten wie bei der Spätburgunderlese, weil dieser absolut schonende Transport im fertigen Produkt zu deutlich weniger Bittertönen führen wird. Aber auch unsere neue Korbkelter hat ihre Feuertaufe bravourös überstanden. Nicht nur um alle Rotweine abzupressen glauben wir für die Zukunft das richtige Gerät gefunden zu haben, sondern auch für einen Teil der Sektgrundweine, vor allem um nicht ganz so große Mengen der Spitzenqualitäten zu pressen bietet sich eine Korbkelter mit ihrer schonenden Pressung und der Klarheit des ablaufenden Saftes einfach an. Eine sehr gute Investition!

Auch unser Team im Keller und Weinberg aus festen Mitarbeitern und den Zwillingen, von dem mit Ausnahme des Chefs jeder noch keine 30 Jahre alt ist, hat mit dem entsprechenden Engagement, ganz viel Ausdauer, gesundem Ehrgeiz, viel erfrischender Neugierde, fundiertem Fachwissen, erstaunlicher Erfahrung, vielen neuen Ideen, großer Identifikation mit dem Haus Rebholz und vor allem dem tollen Teamgeist erst dazu beigetragen, dass uns auch die Lese dieses Jahrgangs wieder großartig gelungen ist. Das perfekte Team!