Herbsttagebuch 2018

Vorbemerkung

Diese Dokumentation ist wie ein echtes Tagebuch angelegt, also mit dem neuesten Eintrag am Ende, nicht wie ein Newsticker, der immer die die Neuigkeiten zuerst aufführt. Wir finden, dass die Tagebuchform, die Dramaturgie, die eine Weinlese Jahr für Jahr mit allen Unwägbarkeiten der Natur, den persönlichen Überlegungen und Zweifeln während der Lese somit sich bringt, in diesem Format viel deutlicher wird.

 

 

 

Vegetation 2018:

Im Gegensatz zu den Vorjahren sorgten die kalten Temperaturen im Februar und März für einen ganz „normalen“ Rebaustrieb in der zweiten Aprilhälfte. Da der Boden durch die kräftigen Regenfälle im Januar noch über sehr große Wasserreserven verfügte, begann ab diesem Zeitpunkt bei stets rekordverdächtigem Temperaturverlauf ein Rebenwachstum, wie wir es nur ganz selten erlebt haben. Vergehen normal von Austrieb bis Lesebeginn fünfeinhalb Monate, so waren es in diesem Jahr gerade einmal gut vier Monate! Dadurch konnten wir einerseits einige Pflanzenschutzspritzungen einsparen, mussten jedoch alle Handarbeiten termingerecht in viel kürzerer Zeit erledigen, und dies alles meist bei mediterranen Temperaturen!

Da es ab Mitte Juni nur noch ganz wenig regnete, war die Wasserversorgung der Reben ein ganz entscheidender Faktor in 2018. Jüngere Reben litten oft unter Trockenheit und Sommerhitze ab Mitte Juli, da bei ihnen das Wurzelwerk noch nicht so weitverzweigt und tief angelegt ist, wie bei älteren Reben. Aber auch falsche Bodenbearbeitung, hohe Erträge oder zu starkes Wachstum konnten zu deutlich erkennbarem Trockenstress an Reben führen. In unseren Weinbergen zahlte sich unser langjähriger biodynamischer Weinbau voll aus. In den ganz jungen Anlagen und den gefährdeten Weinbergen im Kastanienbusch konnten wir durch Tröpfchenbewässerung Schäden an den Reben vermeiden.

 

 

"Erntebeginn":

Bevor die eigentliche Weinlese beginnt, gilt es in den letzten Jahren immer unsere kleine Kartoffelernte einzubringen. Die Ernte findet am 27. August bei schönem Wetter statt. Die Erntemenge ist in Anbetracht der Trockenheit bescheiden, die Kartoffeln jedoch schön und groß. Viele davon werden sicherlich von unserer großen Erntemannschaft in den nächsten Wochen gleich gegessen.

 

Weinlese 2018:

Ich erinnere mich nicht, dass bei uns schon einmal im August mit der Ernte begonnen wurde. Vielleicht war dies in den sehr heißen Endvierziger Jahren des letzten Jahrhunderts möglich, aber dafür haben wir leider keine Zeitzeugen oder Aufzeichnungen mehr.

 

Dienstag 28. August Lesebeginn

Mit „kleiner Mannschaft“, das heißt unseren zwölf polnischen Lesehelfern, von denen manche schon seit über 25 Jahre zu uns kommen, und unserem Team von ständigen Mitarbeitern und Auszubildenden, geht es in die ersten Weinberge. In diesem Jahr gehört auch ein australischer „cellarhand“ aus einem sehr großen Weingut zu unserem Team, der nun seine Erfahrungen in unserem kleinen Weingut in der „alten Weinwelt“ erweitern möchte.
Heute werden Chardonnay- und Spätburgundertrauben für Sektgrundwein gelesen. Der Gesundheitszustand ist hervorragend, auch die Qualität und vor allem die Säure stimmen.

Da wir für unsere Sektgrundweine immer nur ganze Trauben ohne vorheriges Maischen (leichtes Quetschen in der Traubenmühle) in der Kelter pressen, damit wir später möglichst wenig Gerbstoffe im Sekt haben, ist auch ein ganz schonender Transport ohne Quetschungen vom Weinberg bis in die Kelter ein wichtiger Faktor. Deshalb haben wir 350 kleine Lesekisten gekauft, in denen die Trauben bei Bedarf noch vor der Pressung durch ihre geschlitzten Seiten- und Bodenflächen optimal gekühlt werden können. Die Lese ist dadurch aufwendiger, aber das Ergebnis rechtfertigt dies!

Premiere für die neue Korbkelter! Spannend wird es dann auch beim Pressen. Neben dem seit vielen Jahren eingesetzten pneumatischen Presssystem kommt zukünftig auch eine neue Korbkelter zum Einsatz mit der wir unsere Rotweine, aber auch kleinere Traubenpartien für ganz hochwertige Weißweine und Sektgrundweine pressen wollen. Da die beiden Körbe jeweils nur 1200 Liter Trauben oder Maische aufnehmen können und ein Pressvorgang für Sektgrundweine über vier Stunden dauert, können wir nur einen Teil des Sektgrundweines mit diesem schonenden System verarbeiten. Aber auch bei der pneumatischen Kelter dauert ein Pressvorgang mit dem vom Champagnerinstitut lizensierten Programm sehr lang. Dies ist aber bei der Verarbeitung von Spätburgundertrauben zu „Blanc de Noir“ notwendig um keine roten Farbstoffe aus den Beerenschalen in den Saft zu bekommen.

 

Mittwoch 29. August 2. Lesetag

Wir setzen die Lese von Spätburgunder für Sektgrundwein fort. Die Qualität der Trauben, aber auch die Faktoren Mostgewicht und Säure sind dafür perfekt!

Das sehr warme, sommerliche Wetter hinterlässt durch die allgemeinen Unwetterwarnungen bei uns zunächst einige Sorgenfalten, aber am Ende ist es außer einem sehr heftigen Wind nicht einmal ein Liter Regen, der in der Nacht fällt und die Temperaturen etwas angenehmer gestaltet.

Unwetterwarnungen begleiten uns schon das ganze Jahr. Deswegen sind auch frühe Prognosen, die Qualität oder Menge des neuen Jahrgangs betreffen, zu diesem Zeitpunkt noch völlig verfrüht! Zu oft haben noch Starkregen oder Hagel alle Erwartungen in wenigen Augenblicken im wahrsten Wortsinn völlig zerstört.

Mit einer kleinen Nervenberuhigung können wir Pfälzer Winzer schon seit einiger Zeit leben: dem Hagelflieger. Eigentlich sind es inzwischen ja zwei kleine Flugzeuge, die sich von der Karlsruher Wetterwarte dirigiert bei Unwettergefahr in die Gewitterwolken begeben, um dort für kleinere Eiskristalle zu sorgen. Die mutigen Piloten haben nicht nur der Landwirtschaft der Pfalz so sicher schon das ein oder andere Unheil abgewendet, sondern auch „normale“ Bürger vor Schäden z.B. an Dächern, Dachfenstern, Autos oder PV-Anlagen bewahrt. Danke!

 

Donnerstag 30. August 3. Lesetag

Auch heute wird wieder Spätburgunder gelesen, aber für sehr unterschiedliche Produkte.

Die ersten Spätburgunder für Rotwein haben unseren angestrebten perfekten Qualitätsbereich erreicht und können geerntet werden. Es handelt sich dabei um Trauben des sehr alten deutschen Klons „Arbst“, der durch seine kleine, kompakte Traubenform immer einen niedrigeren Ertrag bei früher Reife und hoher Qualität bringt. Da die Trauben des französischen Klons 777 ähnliche Eigenschaften aufweisen, konnten wir einen damit bepflanzten kleinen Weinberg ebenfalls ernten. Es ist ein sehr beruhigendes Gefühl, so früh Trauben für ein „Großes Gewächs“ aus der Lage „Im Sonnenschein" ernten zu können.

Am Nachmittag setzen wir in einer großen Spätburgunder-Parzelle die Lese für Sektgrundweine fort. Auch hier werden wieder die Lesekisten verwendet.

 

Freitag 31. August 4. Lesetag

Unser Hoffest steht bevor. Das bedeutet nun neben der Lese auch das Weingut und den Garten für unsere Gäste vorzubereiten. Auch im Flaschenkeller ist sehr viel zu tun und zu richten, denn die Großen Gewächse können ab morgen verschickt werden, sollen aber auch beim Hoffest zur Probe und zum Verkauf zur Verfügung stehen.

In der Früh wird noch unser neuer Apfelsaft von den Streuobstbäumen unserer Grundstücke gekeltert und abgefüllt. Wir sind froh, dass dies seit Jahren bei dem Rentnerteam eines Obstbauvereines gemacht wird. Geschmacklich sind von dem neuen Apfelsaftjahrgang sofort alle begeistert!

Die Lesemannschaft wird nun immer mehr aufgestockt. Das führt in der Praxis zu zwei Leseteams, die entweder parallel im gleichen Weinberg arbeiten, wenn es viele Reihen gibt, oder die Teams bekommen verschiedene Parzellen zur Lese. Die Teilung macht Sinn, denn der „Quertransport“ der abgeschnittenen Trauben zum abtransportierenden Fahrzeug in der mittleren Reihe beschäftigt die Leser in der Mitte zu stark, wenn es zu viele Zeilen gleichzeitig sind.

Vor dem Hoffest schließen wir noch die Arbeiten des Vortages ab: die Spätburgunderernte für Sektgrundwein und hochwertigen Rotwein.

 

Samstag 1. September Hoffest

Auch wenn heute und morgen das Hoffest gefeiert wird, gibt des noch genug im Kelterhaus für unser „Innenteam“ zu tun. Die Moste müssen vorgeklärt und zur Vergärung eingelagert werden. Zur Vorklärung wird der klare Most vom sich abgesetzten Presstrub abgezogen, der kleine Rest im Tank, meist Fruchtfleisch, wird filtriert und kommt dann ebenfalls zum klaren Most. Da in den letzten Tagen immer nur ganze Trauben gepresst wurden, können wir nun schon am Tag nach der Lese vorklären. Denn bei unserer traditionellen Weinbereitung, bei der die entrappte Traubenmaische noch bis zum nächsten Tag stehen bleibt um wichtige Aromen und mineralische Grundlagen aus den Beerenschalen lösen zu können, arbeiten wir in einem 24-Stunden-Rhythmus:
1. Tag: Trauben lesen, entrappen und maischen - 2. Tag: pressen - 3. Tag: vorklären und einlagern.

Der erste Tag unseres Hoffestes läuft bei allerschönstem Bilderbuchwetter ab. Die Stimmung bei Gästen und Mitarbeitern ist hervorragend.

 

Sonntag 2. September Hoffest

Am zweiten Tag des Hoffestes ist es unerwartet grau. War am Vortag noch Sommerbekleidung angesagt, so braucht man heute nach langer Zeit wieder etwas längere Kleidung.

Ist der Spätsommer nun schon vorbei?

Der Weinbergsrundgang mit kleiner Vertikalprobe in unsere Große Lage „Ganz Horn“ ist für die nächsten Erntewochen recht vielversprechend! In den letzten 20 Jahren wurde zu diesem Zeitpunkt nie ein höheres Mostgewicht gemessen, selbst 2003 nicht! Und gerade im Vergleich zu diesem außergewöhnlichen Jahr sind die Säurewerte dabei noch recht stabil! Also weiterhin Daumen drücken und auf Holz klopfen!

 

Montag 3. September 5. Lesetag

Das Hoffest ist vorüber, die Weinlese hat nun wieder unsere volle Aufmerksamkeit.

Die Lese von Sauvignon Blanc und Grauburgunder stehen heute an. Vom erst genannten ernten wir jedoch nur einen Teil, weil nur die älteren Reben die gewünschte Reife erreicht haben. Auch bei den Grauen Burgundern wollen wir mit einem Teil der noch etwas abwarten. 

Der Tag beginnt so grau und wolkenverhangen wie der gesamte Sonntag verlaufen war. Erst am späten Nachmittag klart sich der Himmel wieder etwas auf.

 

Dienstag 4. September 6. Lesetag

Spätburgunder steht heute wieder auf der Tagesordnung. Es ist jedoch auch hier schwierig zu entscheiden, welche Weinberge schon die angestrebte Reife erreicht haben. Fast überall fehlt nur ganz wenig um im optimalen Bereich zu sein. Aber gerade dies muss die Voraussetzung für die höchsten Qualitäten aus unseren besten Lagen sein, den Großen Gewächsen.

Diese unterschiedlich fortgeschrittene Reife der Trauben, je nach Bodenbeschaffenheit und Rebenalter der Weinberge, führt dazu, dass wir uns heute erst einmal einen Überblick verschaffen wollen, wie es in den nächsten Tagen weiter geht. Dazu werden in allen Parzellen, die in den nächsten Tagen zur Ernte anstehen könnten Traubenproben geholt. Immer ungefähr 100 Beeren pro Probe, die von verschiedenen Trauben oben, unten, innen, außen, Sonnen- und Schattenseite gesammelt werden. Im Weingut werden dann die Proben gequetscht und gepresst, sowie das Mostgewicht und die Säure bestimmt. Das Ergebnis ist uns nun eine solide Basis für die weiteren Entscheidungen.

Der Sommer und die Wärme sind zurück.

 

Mittwoch 5. September – 7. Lesetag

Mit dem Sonnenschein kehrt der Spaß, mit den Ergebnissen der Traubenproben die Gewissheit zurück, dass uns mit dem Jahrgang 2018 noch ganz viel Herausragendes gelingen kann! Nicht nur die Zuckergehalte sind in den letzten Tagen stetig angewachsen, sondern, was noch wichtiger ist, die Säurewerte haben sich stabilisiert und halten sich auf einem für diesen warmen Jahresverlauf typischen Niveau. Eines scheint auch schon jetzt sicher: einen Jahrgang wie 2003 wird es wahrscheinlich nicht geben, dafür sind die Werte auf gutem Niveau zu stabil! Gott sei Dank!

Mit Lesekisten geht es am Morgen in den ersten Riesling-Weinberg um auch hier Trauben für Sektgrundwein zu ernten. Sie werden später in älteren Holzfässern vergoren und können etwa ab 2023 als feiner Rieslingsekt getrunken werden. Auch hier kommt wieder die Korbkelter zum Einsatz um auch die Eignung der Presse für ganze Rieslingtrauben auszuprobieren. Das Ergebnis ist auch hier sehr überzeugend, aber der Aufwand, vor allem der zeitliche, recht groß.

Die Lese der kleinen Rieslingparzelle geht rasch voran. Deshalb können wir noch am Vormittag mit der Lese der restlichen Grauburgunderweinberge beginnen. Die Reife ist hervorragend. Interessant dürfte auch später die Farbe im Wein werden. Durch die idealen Wachstumsbedingungen sind nicht nur bei den Rotweintrauben alle Farbstoffe sehr gut ausgreift, sondern auch beim bronzen färbenden Grauen Burgunder. Aus diesem Grund sind die Moste nach unserer 24 stündigen Maischestandzeit in diesem Jahr sehr rot. Allerdings wird davon nach der Gärung und Reifung am Ende erfahrungsgemäß nur noch ein leicht zwiebelschalenfarbiger Ton übrigbleiben.

 

Donnerstag 6. September – 8. Lesetag

Spätburgundertag!

Heute wird es rot! Nach dem Grauen Burgunder werden nun auch alle kompakten Spätburgundertrauben richtig reif. Deshalb geht es heute zuerst in die „Erste Lage“ Arzheimer Rosenberg, wo die Zwillinge, Hans und Valentin, seit 2012 ein halbes Hektar Weinberg bearbeiten und betreuen, und daraus einen eigenen Rotwein erzeugen. Von Beginn an wird dieser Wein exklusiv von „Delinat“ vermarktet. Die Trauben der lockerbeerigen Klone im Weinberg bleiben noch hängen.

Danach geht es in einem anderen Spätburgunderweinberg weiter. Es sind unsere ältesten Spätburgunderreben, 1964 gepflanzt, eine der letzten Weitraumanlagen meines Vaters und des Ökonomierates, meinem Großvater. Die alten Reben „im Forst“ scheinen sich immer wohler zu fühlen, bringen immer bessere und feinere Trauben. Deshalb soll dieser alte Weinberg in Zukunft auch seinen Namen tragen dürfen, wenn die Qualität so gut ist wie wir – und Sie – es erwarten.

Wie schon gestern ist es heute zunächst sehr warm, hochsommerlich geworden. Gewitter mit Sturm und Unwetter sind ab dem späten Nachmittag vorhergesagt. Pünktlich zum Feierabend beginnt das Gewitter! Ein richtig kräftiger Landregen sorgt für Abkühlung! Vom in dieser Zeit gefürchteten und verheerenden Hagel bleiben wir verschont. Um Mitternacht gibt es erneut einen kräftigen Regenguss. Schadet dies den Trauben? Bekommen wir jetzt noch einen Wachstumsschub, eventuell mit Aufplatzen der Beeren oder Fäulnis? Oft ist ein solches Regenereignis ein Wendepunkt in der Lese, ob positiv oder negativ!

 

Freitag 7. September – 9. Lesetag

Mitten in der Nacht werde ich von einem erneuten Gewitter und stärkeren Regen geweckt. Erinnerungen an Jahre, als ein einziges großes Regenereignis alles verändert hat, werden wach. Durch den regenverhangenen Himmel bleibt auch die Temperatur die ganze Nacht recht warm – mit der Feuchtigkeit schwül warm, fast tropisch. Gott sei Dank endet der Regen auch wieder recht schnell.

Am Morgen ist es jedoch noch so nass, dass an einen Erntebeginn wie üblich um 8:30 Uhr noch nicht zu denken ist. An Blättern und Trauben hängen in der Früh noch viele Regentropfen. Wir entscheiden erst um 12 Uhr mit der Lese zu beginnen.